Whatever it takes

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Im Kampf gegen den Coronavirus stellen wir uns bislang maximal dämlich an. Visualisierung im Sinne einer Aufklärung täte dringend Not, wird aber nur zu gern als Panikmache abgetan. Dabei ist Epidemiologie keine Raketenwissenschaft.

Wir haben’s verbockt. Nachdem unsere Politiker weitestgehend schlafwandlerisch naiv durch die Tage nach dem Ausbruch der Epidemie in Wuhan waberten und erst aufwachten, als es schon längst über 100 Infizierte in verschiedenen Clustern verteilt gab und damit dann auch irgendwie zu spät für wirklich wirksame Gegenmaßnahmen war, durften wir nun in den letzten Tagen bewundern, wie recht einfältig gestrickte Exemplare der Spezies Mensch einfach nicht verstehen wollten oder konnten, was die Stunde geschlagen hat bzw. wie vielen Menschen in Deutschland diese bald letztmalig schlagen wird.

Dabei ist es auch nur – wenn überhaupt – ein schwacher Trost, dass es uns in Deutschland nicht so heftig erwischen wird, wie die Menschen im Vereinigten Königreich, den USA oder auch der Türkei und Indien.

Da müssen wir jetzt durch

Whatever it takes. Diese drei Worte des damaligen EZB-Chefs Mario Draghi genügten, um zum Höhepunkt der Bankenkrise im Jahr 2012 sowohl die Märkte als auch die Unternehmen zu beruhigen und die Eurozone stabil zu halten. Mario Draghi gelang damit etwas, was Beobachter und Experten nicht für möglich gehalten hätten: die Rettung des Euro. Koste es, was es wolle. Diese inzwischen geflügelten Worte konnte Mario Draghi auch und vor allem wegen einer anderen Person sprechen, welche mit all ihrer Macht und Strahlkraft aber auch der wirtschaftlichen Stärke ihres Landes quasi dafür garantierte, dass diese Worte ihre volle Wucht entfalten konnten: Angela Merkel. Damals im Jahr 2012 auf dem Höhepunkt ihrer politischen Macht und bereit den Euro bedingungslos zu stützen. Der Clou an der ganzen Sache: die drei Worte genügten. Es musste nichtmal ansatzweise der Beweis angetreten werden, dass diesen auch – im Bedarfsfall – Taten folgen würden. Jackpot.

Whatever it takes […] Wir werden uns jetzt nicht an Buchhaltungsfragen am Ende orientieren, sondern wir werden uns daran orientieren, was Deutschland braucht. Nichts anderes. Das gilt finanziell für Medizin, das gilt finanziell für Wirtschaft. Was funktioniert, was wirkt, machen wir.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am 12.03.2020

In der letzten Woche sprachen gleich zwei Länderchefs unabhängig voneinander genau diese drei Worte. Den Anfang machte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Abend des 12. März 2020 nachdem sich die Länderchefs mit der Bundeskanzlerin, ihren Ministern und auch Experten aus Medizin, Wissenschaft und Forschung getroffen und über Maßnahmen in dieser „Coronakrise“ beraten und abgestimmt hatten. Wenige Stunden später tat es ihm NRWs Ministerpräsident Armin Laschet gleich. Bemerkenswert und schon beinahe wohltuend bei beiden: sie bezogen diese Formulierung natürlich nicht nur auf die Gesundheit der Menschen im Land, sondern halt – wie sollte es anders sein – auch auf die Wirtschaft, nannten aber immer wieder die Gesundheit der Menschen zuerst. Noch vor der Wirtschaft. Das habe ich so schon länger nicht mehr erlebt. Wow! Es dürfte aber auch ein Fingerzeig dafür sein, wie gravierend die Situation wirklich ist.

Aber bleiben wir für einen kurzen Moment noch bei den positiven Dingen. Denn davon gibt es wirklich noch ein paar, die zumindest angemerkt werden sollten. Nachdem die Bundesregierung endlich aufgewacht war, begann man tatsächlich mit einer sachlichen und wohltuend unaufgeregten Kommunikation zur anstehenden Herausforderung. Das meine ich tatsächlich positiv, hebt es sich doch wohltuend vom anfangs eher desinteressierten Geblubber eines Boris Johnson oder Donald Trump ab. Nachdem beide die sich anbahnende Krise eher launig phrasendreschend übergehen wollten, sind sie nun immerhin schon beim blinden Aktionismus mit den zumindest von Trump bekannten rassistischen Auswüchsen angekommen („Chinese Virus“).

Nordrhein-Westfalen steht vor einer großen und ernsten Bewährungsprobe. Die Landesregierung handelt entschieden und konsequent. Zugleich ist aber auch klar: Diese Krise erfordert einen besonderen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Jetzt geht es darum, dass wir alle zusammenhalten, um die weitere Verbreitung möglichst zu verlangsamen, krankheitsanfällige Menschen zu schützen und Leben zu retten.

NRW-Ministerpäsident Armin Laschet am 13.03.2020

In Deutschland setzte sich der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in die Bundespressekonferenz und erklärte in sachlichem Ton die aktuelle Lage und was die Bundesregierung zu tun gedenke. Anfangs wurden die Pressebulletins des Robert-Koch-Instituts noch mehr oder minder parallel abgehalten und in die Welt gestreamt. Nachdem Jens Spahn angeregt hatte, doch mit eben diesen Experten in die Bundespressekonferenz zu kommen, wurde das RKI einer noch breiteren Öffentlichkeit bekannt und man konnte dort wirklich wohltuend sachlich und faktenbasiert informieren sowie die empfohlenen Maßnahmen vorstellen. Alles gut. Alles ganz nett. Es gab und gibt aber ein gravierendes Problem: es war bereits damals (dieses „damals“ ist übrigens gerade mal knapp drei Wochen her) viel zu spät, um die auf uns zurollende Welle signifikant zu verlangsam oder sie gar aufzuhalten. „Flatten the curve“ sollte es recht bald nach den Pressekonferenzen durch die (Sozialen) Medien hallen. Nett. Aber rund drei Wochen zu spät.

Die Fakten liegen doch offen da

Wir haben dazu Experten eingeladen. Den Chef des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler, den Leiter der Charité Heyo Kroemer, weil den Universitätsklinka in dieser Frage eine zentrale Bedeutung zukommt und Prof. Drosten. […] Ich glaube, dass die Diskussion mit den Wissenschaftlern von großer Bedeutung, großem Wert war. [..] Das ist eine unbekannte Herausforderung für uns und mit einer solchen unbekannten Herausforderung muss man erst einmal umgehen im Blick auch auf das, was die Wissenschaft sagt, was sie weiß und indem sie uns auch sagt, was sie nicht weiß. Und darauf müssen wir unsere präventiven, verbeugenden und aktuellen Maßnahmen entwickeln.

Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Treffen mit den Ministerpräsidenten der Länder am 12.03.2020

Unsere Politiker befinden sich schon länger in enger Abstimmung mit den Experten zu diesem Thema. Immer wieder betonen verschiedene Politiker, dass die neu getroffenen Maßnahmen im Anschluss an Beratungen mit Virologen, Epidemiologen und verschiedenen weiteren Wissenschaftlern erfolgen. Nicht zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel, selbst mit einem Doktortitel in Physik ausgestattet (den sie übrigens in der ehemaligen DDR erwarb. Also in einem System, in welchem solche Titel eher nicht mal eben im Vorbeigehen zu bekommen waren) betonte nach dem Treffen mit den Länderchefs, mit wem sie genau zusammengesessen hatten. Gut so möchte man meinen. Denn auf die nächsten 4 bis 5 Wochen kommt es an. Naja, käme es an. Wenn denn den durchaus klugen und weisen Worten auch Taten folgen würden. Wobei diese Taten bzw. Nicht-Taten von jedem Einzelnen ja kommen müssten. Wer aber unvernünftig oder gar fahrlässig handelt, braucht aber vielleicht auch mal einen offiziellen Hinweis mitsamt Sanktionsandrohung. Dieses Zeitfenster wiederum ist geschlossen. Bereits länger sogar.

Jetzt ist es unsere Aufgabe erstens Menschenleben zu retten so gut wir das können und zweitens die wirtschaftliche Tätigkeit am Laufen zu halten. Beide Aufgaben sind anspruchsvoll und denen wollen wir gerecht werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Treffen mit den Ministerpräsidenten der Länder am 12.03.2020

Die bittere (berechenbare) Wahrheit

Inzwischen schreiben wir den Abend des 20. März. Seit den staatstragenden Pressekonferenzen und Erklärungen von Länderchefs und Kanzlerin ist bereits eine weitere Woche ins Land gegangen. Schulen und Kitas wurden geschlossen. Ebenso Kneipen. Restaurants und Café dürfen nur noch wenige Stunden am Tag geöffnet sein und sind de facto mittlerweile für den verweilenden Publikumsverkehr ebenfalls geschlossen. Gleiches gilt für Spielplätze. Sonderlich groß daran stören tun sich aber nicht alle Menschen. Gerade die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen lockten, oder sollte man sagen verführten, viele, sehr viele, nein, zu viele Menschen dazu, doch mal wieder in den Park zu gehen. Ein Picknick mit Freunden in kuschliger Runde. Grillen. Zusammensein. Verständlich auf der einen Seite: gutes Wetter und mehr Freizeit. Geradezu kompletter Wahnsinn andererseits: Viren lieben einfach Menschenansammlungen und feiern diese mit exponentieller Verbreitung.

Am 18. März wandte sich Angela Merkel erstmalig in ihrer 15-jährigen Regierungszeit in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung. Ihre Rede war beeindruckend, außergewöhnlich eindringlich, schon fast emotional und knallhart auf den Punkt: Leute, wir wollen das nicht, aber wenn ihr euch nicht jetzt am Riemen reißt, müssen wir etwas machen, was wir noch nie gemacht haben und so gar nicht machen wollen. Hatten einige noch mit der Erklärung von Notstand und Ausgangssperre gerechnet, blieb es doch am Ende nur bei sehr strengen und mahnenden Worten. Hier reihte sich Angela Merkel nahtlos in die Riege der Länderchefs ein, die immer wieder an die Vernunft der Bürger appellierten und nur häppchenweise weitere Einschränkungen verkündeten. Ich finde es gut und richtig und wichtig, dass die Bundesregierung eben nicht den Notstand erklärt hat und somit die vielen guten Arbeitsgruppen auf Länderebene auseinandergerissen hat. Gleichermaßen finde ich es erbärmlich, dass es eben diese Länderchefs bis zum heutigen Mittag nicht für notwendig befunden haben, Versammlungsverbote auszusprechen und gleichzeitig eine Ausgangssperre anzukündigen.

Es ist nicht die Ausgangssperre, die uns schützt. Was uns schützt, ist unser Verhalten

Alain Berset, Innenminister der Schweiz

Dabei ist es ja gar nicht die Ausgangssperre allein, die wirklich etwas erreichen würde. Die Verhaltensänderung aller oder zumindest vieler ist es. Zugleich wäre die Verhängung einer Ausgangssperre in der Bundesrepublik Deutschland ein gravierender Einschnitt. Nicht zuletzt durch die Eindrücke aus der Nazizeit sowie dem Willkürregime der nun ehemaligen DDR sind gerade in Deutschland fundamentale Grundrechte sehr hoch aufgehangen. Die Bewegungsfreiheit ist eines davon, die Versammlungsfreiheit ein weiteres. Ich kann nachvollziehen, dass gerade Angela Merkel – wie auch in ihrer Rede betont – ein massives Problem mit der Einschränkung von Grundrechten hätte. Ebenso lässt es auch ein Armin Laschet in NRW durchklingen. Es ist nur so: mit der Eigenverantwortlichkeit ist es nicht weit her in diesem Land und wenn so eklatant offensichtlich ist, dass sich ausreichend viele Cretins eben nicht an strenge Empfehlungen halten wollen oder können, dann müssen entsprechende Maßnahmen her (ich kann gerade nicht glauben, dass ich diese Zeilen geschrieben habe).

Projektion bis 30.03.2020

Die Ausgangslage:

  • seit dem 16.03.2020 gelten gravierende Einschränkungen des öffentlichen Lebens durch die Schließung von Schulen und Kitas sowie der Verlängerung der Semesterpause für Studenten
  • da die Inkubationszeit beim Coronavirus 14 Tage betragen kann, wird man frühestens ab dem 30.03.2020 eine Veränderung (= Verringerung, hoffentlich) der Anzahl der Neuinfizierten pro Tag zu sehen sein
  • gleichzeitig erhöht sich die Anzahl der Infizierten pro Tag um ca. 31,5% (basierend auf dem Durchschnitt aus den Zahlen des RKI vom 01. März bis 18. März).
  • die Letalität („Tödlichkeit“) von COVID-19 liegt im Durchschnitt bei 1% (Wichtig: COVID-19 ist eine neuartige Krankheit und die CFR bzw. Letalität weicht zwischen den Ländern erheblich voneinander ab – warum das unter anderem so ist, wird hier (etwas wissenschaftlicher) erklärt) – für Deutschland beträgt die Letalität rund 0,3%
  • Quelle für die Anzahl der Infizierten und Toten: Johns Hopkins University

Die Excel-Tabelle liegt auf meinem OneDrive und ist öffentlich zugänglich. Bearbeitungen sind allerdings nicht erlaubt, herunterladen hingegen schon 🙂

Unabhängig also von den schon getroffenen und übers Wochenende wohl noch zu treffenden Maßnahmen dürfte sich die Zahl der Infizierten Ende März im Bereich von 300.000 bewegen. Welcher Anteil der COVID-19-Erkrankungen eher kompliziert bis schwerwiegend verläuft, lässt sich nicht genau beziffern. Daher ist auch für den Moment nicht absehbar, wie viele Intensivbetten bzw. Beatmungsplätze wir über Deutschland verteilt tatsächlich benötigen.

Nur gemeinsam

Das wirkt dramatisch und sieht auch beängstigend aus? Ja, die Situation ist wirklich dramatisch. Gerade weil diese vermeintliche Normalität (jetzt vielleicht etwas ruhiger) eben so gar nicht darauf hindeutet, dass wir eine Katastrophe erleben, die sich in Zeitlupe entfaltet. Wobei das mit der Zeitlupe auch sehr schnell vorbei sein kann, wenn sich die Anzahl der Infizierten immer weiter (exponentiell) steigert und wir im Gesundheitssystem zwangsläufig an unsere Kapazitätsgrenzen stoßen.

Wieviel sich jetzt noch vermeiden oder abschwächen lässt, wird sich nur im Rückblick zeigen. Was wir aber in jedem Fall tun können und daher auch sollten:

  • das Gehirn einschalten
  • Hände waschen
  • Abstand halten
  • In die Armbeuge husten/niesen
  • moderat rausgehen
  • moderat einkaufen
  • auf andere, vor allem ältere, Menschen Rücksicht nehmen
  • nicht mit dem Finger auf andere zeigen

Es wird alles anders. Nur gemeinsam schaffen wir diese Herausforderung. Und diese ist eine gewaltige Herausforderung.

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