Was ist eigentlich politische Korrektheit bzw. was gilt als politisch korrekt? Nachdem ich mich rund eine Woche in den von der sehr guten Partei “Die PARTEI” übernommenen ehemaligen AfD-nahen Facebook-Gruppen durch verschiedene Diskussionen gekämpft habe, erscheint es so, als ob es da durchaus verschiedene Ansätze der Interpretation gibt.

Ich kann mich nicht mehr ganz genau an den Verlauf der Diskussion erinnern. Aufgrund des manchmal auch sehr sprunghaften und mitunter sinnfreien Argumentierens einiger beteiligter Personen, ist das mitunter insgesamt eher schwierig. In meinem Gedächtnis hängen geblieben ist aber eine Einlassung einer Diskutantin, die politisch korrekt sinngemäß definierte als: inhaltslose, leere Phrasen, die gedroschen werden.

Nun ist es so, dass inhaltslose, leere Phrasen schlichtweg inhaltslose, leere Phrasen sind. Mit politischer Korrektheit haben diese, wenn überhaupt, lediglich am Rande zu tun.

Was ist also politisch korrekt bzw. politische Korrektheit?

Da der ursprüngliche Begriff aus dem englischsprachigen Raum stammt, hilft vielleicht ein Blick rüber zu Merriam-Webster:

Definition of politically correct
: conforming to a belief that language and practices which could offend political sensibilities (as in matters of sex or race) should be eliminated

Sinngemäß ist politisch korrekt also die Zustimmung zu der Vorstellung, dass sowohl Sprache als auch Verhaltensweisen, welche möglicherweise jemandes politisches Empfinden (bspw. bezogen auf Geschlecht oder Hautfarbe) angreifen könnten, unterbunden werden sollten. Dieser Annahme könnte man gleich entgegenschmettern:

Everyone has the right to be offended. Everyone has the right to offend. But no one has the right to never be offended.

@rickygervais

Hierzu passend auch ein Zitat von Salman Rushdie zum gleichen Thema:

“Nobody has the right to not be offended. That right doesn’t exist in any declaration I have ever read.

If you are offended it is your problem, and frankly lots of things offend lots of people.

I can walk into a bookshop and point out a number of books that I find very unattractive in what they say. But it doesn’t occur to me to burn the bookshop down. If you don’t like a book, read another book. If you start reading a book and you decide you don’t like it, nobody is telling you to finish it.

To read a 600-page novel and then say that it has deeply offended you: well, you have done a lot of work to be offended.”

Ganz so einfach scheint eine klare und eindeutige Definition also gar nicht zu sein. Nun mag der eine oder andere einwenden, dass er/sie jede Menge Beispiele für politisch unkorrekte Verhaltensweisen oder Aussagen kennt. Diese mögen auch in den jeweiligen Fällen zutreffend und sogar nachvollziehbar sein. Was aber wirklich, wirklich, wirklich politisch korrekt ist, ist immer auch ein größere Stück weit ein Mysterium. Politische Korrektheit ist am Ende des Tages einer Mode unterworfen, die sich gern auch mal nach und nach ändert. Nicht unbedingt fundamental, aber eine Veränderung ist eine Veränderung.

Am Ende des Tages erscheint etwas politisch korrekt oder eben unkorrekt, was nicht dem persönlichen Empfinden entspricht. Empfinden ist hier in diesem Fall das Schlüsselwort. Denn wie schon weiter oben von Ricky Gervais formuliert: jeder hat das Recht sich angegriffen zu fühlen, jeder hat das Recht verbal oder durch Verhalten anzugreifen, aber niemand hat das Recht sich niemals angegriffen zu fühlen. Und selbst wenn man sich angegriffen fühlt, hat man unter Umständen sogar selbst dafür einiges getan. Das gilt nicht universell. Menschen, die unter dem gesellschaftlichen Radar unterwegs sind, haben oftmals keine Chance, sich entweder zu artikulieren oder anderweitig an einem politisch-gesellschaftlichen Dialog teilzunehmen. Sie finden lediglich statt, indem über sie geredet und irgendwelche Forderungen formuliert werden. Am Diskurs können oder dürfen diese nicht teilnehmen. Es ist also für diese Menschen (und hier ist jede Einzelperson gemeint) unmöglich, etwas für oder gegen das angegriffen werden zu tun.  Das ist in meinen Augen zumindest politisch unkorrekt und sollte, meiner Meinung nach, unterlassen werden. Ansonsten dürften die Konsequenzen eher unangenehm sein.

Gehört die politische Korrektheit auf den Müllhaufen der Geschichte?

Nein. Ganz klar nein. Dadurch, dass diese politische Korrektheit ein Zusammenspiel aus Gesetzen, Normen, Konventionen sowie gesellschaftlichem Konsens (und hier gilt durchaus im Zweifel das Mehrheitsrecht) ist, trägt sie essentiell dazu bei, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung eben nicht nur seine Grenzen in den Gesetzen findet, sondern auch in eher schwammigen und flexiblen Grenzen des gesellschaftlichen Konsens bzgl. Aussagen, die man tätigen kann und Dingen, die man tun kann. Oder eben auch nicht. Natürlich greift die politische Korrektheit auch immer ein Stück weit in die freie Meinungsäußerung ein, sie beschneidet sie aber nicht. Sie deswegen als “Gesinnungsdiktatur” abzutun ist daher Blödsinn. Denn: man kann durchaus Aussagen tätigen, die eben politisch unkorrekt oder zumindest fragwürdig sind. Tätigt man diese mit entsprechender Reichweite, muss man halt mit dem Gegenwind leben. Das Recht auf freie Meinungsäußerung gilt für alle Menschen gleichermaßen und diese wiederum nehmen ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahr und reagieren auf eine andere Meinung, indem sie ihre äußern. Solange nicht gegen Strafgesetze verstoßen wird, ist alles juristisch erstmal erlaubt. Ob man dann wirklich einen vor diskriminierenden oder beleidigenden Äußerungen nur so strotzenden Diskurs führen möchte bzw. kann, sei dahingestellt. Zielführend dürfte er jedenfalls nicht sein. Und ein Ergebnis (selbst die Erkenntnis sich nicht zu einigen, ist ein Ergebnis) ist ebenfalls nicht zu erwarten.

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