Berlin ist eine wunderbare Stadt. Voller Geschichte und Geschichten. Eine Stadt als lebendiges und sich ständig veränderndes Kunstwerk. Eine Stadt, die nie wirklich zur Ruhe kommt und doch immer lässig dabei bleibt. Eine echte Hauptstadt? Vielleicht. Aber in jedem Fall immer eine Reise wert.

In Berlin kann man so viel erleben, in Brandenburg soll es wieder Wölfe geben.

Rainald Grebe, Brandenburg

Mal eben spontan nach Berlin

Das Brandenburger Tor am Abend

Warum eigentlich nicht. Die Gelegenheit war günstig: Ruhe im Büro und sturmfreie Bude zuhause. Warum also an einem tristen Januar-Wochenende zuhause abgammeln, wenn man mal eben für einen günstigen Kurs mit der Deutschen Bahn 1. Klasse in weniger als drei Stunden nach Berlin düsen kann. Zusätzlich bot sich mit dem Steigenberger am Kanzleramt auch eine exzellente Unterkunft mitten in der (Berliner) Mitte. Sozusagen. Geografisch dürfte das nicht ganz korrekt sein, aber mit der Nähe sowohl zum Berliner Hauptbahnhof (Treppe runter) als auch zum Regierungsviertel bzw. Kanzleramt (200 Meter vom Hotel) dürfte es strategisch nicht viel günstiger gehen. Berlin-Kenner dürfen mich hier gern eines Besseren belehren.

Der Fokus lag auf den Sehenswürdigkeiten und weiteren Orten, die sich in relativer Laufreichweite meines Hotels befanden: Kanzleramt/Regierungsviertel, Brandenburger Tor, das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, der Gendarmenmarkt und die Straße Unter den Linden.

Und wenn man die Linden vom Brandenburger Tor kommend entlang gelaufen ist, kann man auch gleich noch die Museumsinsel, den Alexanderplatz und das Nikolaiviertel mitsamt dem Roten Rathaus mitnehmen. Also doch schon sowas wie ein echter Marsch vorbei am Hotel Adlon, verschiedenen Botschaften und der Humboldt-Universität bis hin zur Schloßbrücke, dem Übergang zur Museumsinsel. Ein wenig davon noch am Freitag und der Rest dann am folgenden Samstag.

Unter den Linden

Aber ich sehe, Sie hören schon nicht mehr, was ich erzähle, und staunen die Linden an. Ja, das sind die berühmten Linden, wovon Sie so viel gehört haben. Mich durchschauert’s, wenn ich denke, auf dieser Stelle hat vielleicht Lessing gestanden, unter diesen Bäumen war der Lieblingsspaziergang so vieler großer Männer, die in Berlin gelebt; hier ging der große Fritz, hier wandelte – Er! Aber ist die Gegenwart nicht auch herrlich?

Heinrich Heine – Briefe aus Berlin

Berliner Dom und Fernsehturm am Alex

Die Strecke vom Brandenburger Tor bis zur Schloßbrücke misst vielleicht 1,5km. Wenn man nicht ganz schlecht zu Fuß ist, schafft man diese locker in einer halben Stunde. Allerdings dürfte man noch einige Zeit unterwegs darauf verwenden, die verschiedenen Prachtbauten zu bestaunen.

Kurz hinter dem Hotel Adlon befindet sich auf der rechten Seite die Botschaft der Russischen Föderation. Ein Prunkbau. Während sich beispielsweise die amerikanische oder auch die britisch Botschaft auf eher knapp bemessenem Grund wiederfinden, residiert der Botschafter der Russischen Föderation in einem eindrucksvollen Palast. Historisch begründet, welcher auch noch im Nachhinein sichtbar macht, wer bis 1989/1990 das Sagen und den Zugriff auf die besten Fleckchen hatte: die damalige UdSSR suchte sich das Areal aus, kaufte es von der Stadt und errichtete die neue Botschaft, welche bis heute Bestand hat.

Wenige Meter dahinter folgt dann auf der linken Seite Google in Berlin und kurz darauf wiederum nähert man sich der Staatsbibliothek sowie der Humboldt-Universität zu Berlin. Dieser gegenüber befinden sich die Staatsoper sowie der Bebelplatz. Letzterer hieß bis 1947 Opernplatz. Auf eben jenem Platz verbrannten die Nazis auf dem Höhepunkt der sog. “Aktion wider den undeutschen Geist” am 10. Mai 1933 Bücher diverser Autoren, welche eben dem neuen deutschen Geist so überhaupt nicht entsprachen. Mittig unter dem Bebelplatz befindet sich in Erinnerung an diese Barbarei eine “leere Bibliothek“, auf welche man durch eine Glasplatte hinunterblicken kann (am besten zu betrachten, wenn es etwas dunkler ist).

Nicht nur am neuen Berliner Flughafen wird kontinuierlich gebaut. Gefühlt wird hier wohl immer, durchgehend und überall irgendwie gebaut. Im Januar (und auch aktuell immer noch) sucht die U5 den Lückenschluss zur U55 am Brandenburger Tor. Da die U5 bislang am Alexanderplatz endet, zieht sich diese Baustelle vom U-Bahnhof “Brandenburger Tor” bis zur Museumsinsel. Also quasi die komplette Strecke.

Gelohnt hat sie sich trotzdem. Was heute keinerlei Probleme mehr darstellt, war bis vor knapp 30 Jahren schlichtweg keine Selbstverständlichkeit. Das Brandenburger Tor und seine unmittelbare Nähe waren Tabu. Als einfacher Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates war es unmöglich die Linden von ihrem Anfang an der Museumsinsel bis zum Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor entlang zu gehen. Erinnert sich noch jemand an die Nacht als die Mauer auf einmal offen war und eine DDR-Bürgerin eigentlich schon zu spät war und dennoch energisch darauf bestand, einmal durch das Brandenburger Tor gehen zu dürfen? Dank ihres Einsatzes und womöglich zeitgleicher unklarer Befehlslage durfte sie sich schließlich begleitet von einem Grenzschützer ihren Wunsch erfüllen.

Schauen Sie jetzt mal auf. In der Ferne sehen Sie schon – die Linden! Wirklich, ich kenne keinen imposantern Anblick, als, vor der Hundebrücke stehend, nach den Linden hinaufzusehen. Rechts das hohe, prächtige Zeughaus, das neue Wachthaus, die Universität und Akademie. Links das königliche Palais, das Opernhaus, die Bibliothek usw. Hier drängt sich Prachtgebäude an Prachtgebäude.

Heinrich Heine – Briefe aus Berlin

Der Gendarmenmarkt

Gendarmenmarkt, Konzerthaus Berlin

Die deutsche Wikipedia schreibt über den Berliner Gendarmenmarkt, daß dieser als der schönste Platz Berlins gelte. Ich kenne nun nicht alle Märkte und Plätze der Bundeshauptstadt. Tatsächlich würde ich ihn aber in jedem Fall sehr weit vorn auf dieser imaginären Liste platzieren. Selbst im grauen Januar, an einem trüben und sehr schneereichen Tag wirkt dieser Platz immer noch majestätisch. Ich bin von der Mohrenstraße kommend zwischen Deutschem Dom und dem Konzerthaus Berlin auf den Platz gegangen. Dafür musste ich zuvor am poppig-pink beleuchteten Hilton vorbei. Das war nicht unbedingt die größte Augenweide. Dagegen wirkte der Gendarmenmarkt schon wohltuend schlicht. Was ihm noch etwas mehr Würde in meinen Augen verliehen haben dürfte. Sonderlich viel los war an diesem winterlichen Abend nicht. Vereinzelt überquerten Passanten den Platz und auch der eine oder andere Touri (außer mir) hatte sich hierhin verirrt. Kein Problem. So hatte ich den Platz mehr oder minder für mich allein. Nicht ganz so toll war allerdings das Wetter, so daß ich mich recht schnell wieder auf den Weg machte. Ansonsten wäre ich wohl eingeschneit. Oder festgefroren. Oder gar beides.

Holocaust-Mahnmal

Berlin ist reich an vielen Denk- und Mahnmälern, die bunt über das Stadtgebiet verteilt sind. Es sind nicht nur diese, aber vor allem diese, welche die bewegte Geschichte Berlins und Deutschlands erzählen. Berlin ist inzwischen eine bunte, eine weltoffene und lässige Stadt, in der für jeden irgendwo Platz ist. Das war aber nicht immer so. Berlin war auch die Hauptstadt Nazi-Deutschlands. Von hier aus planten und führten die Nationalsozialisten einen bestialischen Krieg gegen alles, was nicht in ihr verkümmertes Weltbild passte. Nicht zuletzt führten sie einen Krieg gegen die Menschlichkeit. In ihrem arischen Rassenwahn saugten sie den in Europa weit verbreiteten Antisemitismus auf und steigerten sich immer weiter und weiter in diesen hinein.

Ich kann nicht nachempfinden, was diese Bestien damals dazu verleitet hat Menschen nicht einfach nur zu töten, sondern sie in den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau, Majdanek, Belzec, Sobibor und Treblinka  und vielen weiteren Konzentrationslagern industriell zu vernichten. Es macht mich wütend, fassungslos, traurig und entschlossen zugleich: daß Menschen aufgrund ihrer Religion zu einer minderwertigen Rasse degradiert und dann ausgerottet werden darf nie wieder geschehen. Nicht in meinem Namen, nicht zu meinen Lebzeiten. NIE WIEDER.

„Nicht die nächste Generation, sondern unsere muss es bauen. Wir, jetzt, heute, hier und nicht irgendwann.“

Helmut Kohl, dt. Bundeskanzler

Es sollten insgesamt 16 Jahre vergehen, bevor man sich im Deutschen Bundestag für einen Ort und einen Entwurf entscheiden und dieser fertiggestellt werden konnte. Die erste Idee für ein solches Mahnmal wurde im Januar 1989 präsentiert und im Jahr 2005 konnte das fertiggestellt Mahnmal endlich seiner Bestimmung und der Öffentlichkeit übergeben werden. Inzwischen haben mehrere Millionen Besucher aus aller Welt und einige Staats- und Regierungschef sowie gekrönte Häupter das Mahnmal besucht.

Das Stelenfeld errichtet nach dem Entwurf (“Eisenman II”) von Peter Eisenman erstreckt sich über ein Areal umrandet von Behrenstraße, Cora-Berliner-Straße, Hannah-Arendt-Straße sowie Ebertstraße.  Am östlichen Rand an der Cora-Berliner-Straße befindet sich der Zugang zum unterirdisch gelegenen Informationszentrum des Holocaust-Mahnmals. Wer mal in Berlin weilt, sollte in jedem Fall diesem Mahnmal und dem Informationszentrum einen Besuch abstatten. Sich ein wenig zwischen den Stelen bewegen oder auch vielleicht mal auf eine nicht ganz so hohe Stele steigen und das Feld von oben betrachten. Es lohnt sich. In vielerlei Hinsicht.

Dieses Mahnmal gehört mitten ins Herz der bundesdeutschen Hauptstadt. Zentral. Für alle zugänglich. Offen.

Epilog

Heute vor 56 Jahren begannen die Grenztruppen der Deutschen Demokratischen Republik mit der Errichtung der Berliner Mauer. Diese sollte die Menschen in beiden Staaten für beinahe 30 Jahre trennen. Hinein durften temporär die, die Devisen mitbrachten, raus durften nur ältere Menschen und diejenigen, die freigekauft oder abgeschoben wurden. Republikflucht war eine Straftat, die oftmals direkt auf dem Todesstreifen sanktioniert wurde. Endgültig.

Am 13. August 2017 ist die Bundesrepublik Deutschland ein in Freiheit vereintes Land und Berlin ist die Hauptstadt eben dieses wiedervereinigten Deutschlands. Hier schlägt das Herz des modernen Deutschlands und eines der Herzen des vereinten Europas. Neben den Narben aus der Nazi-Zeit sowie der Zeit der deutschen Teilung und des Kalten Krieges ist auch dieser Teil ein Stück Berlins und damit deutscher Geschichte.

Für politisch, geschichtlich und kulturell interessierte Menschen ist Berlin deswegen, aber nicht nur deswegen, ganz sicher immer wieder eine Reise wert.

Ich komme wieder.

Galerie

Die Bilder entstanden am 6. und 7. Januar 2017, wurden überwiegend mit einer Nikon D3300 (Objektiv: Nikon AF-S DX Nikkor 55-300 mm 1:4,5-5,6G ED VR) gemacht und mit Adobe Photoshop Lightroom entwickelt. Weitere Aufnahmen: Sony Xperia XZ. Die Bilder können gemäß Public Domain CC0 verwendet werden.

Diese und weitere Bilder in HighRes findest du – auch zum Download – hier.