Nein. Es ist nicht “TBT” und der Eurovision Song Contest 2017 ist auch schon ein paar Wochen her. Nach dem √ľblichen deutschen Jammern und dem Unverst√§ndnis, warum es einfach nicht wieder f√ľr einen Sieg oder zumindest eine vordere Platzierung gereicht hat, bin ich heute √ľber ein paar Videos bei YouTube gestolpert (wie das manchmal so ist) und irgendwie bei der 1998er ESC-Ausgabe gelandet. Ein Blick zur√ľck auf eine verr√ľckte Zeit.

Eines vorweg: ich bin nicht und war auch nie Fan von Guildo Horn. Seine Art und sein Auftreten fand ich aber ziemlich cool. Einfach mal so gar nicht “durchgestreamlined” und angepasst. Das gab es auch schon in weiten Teilen zum Ende des letzten Jahrtausends. Inzwischen ist man hier nur noch konsequenter und raffinierter geworden. Aber zur√ľck zu jenen sagenhaften Auftritten des Meisters im nationalen Finale und sp√§ter beim ESC in Birmingham. Guildo Horn ist nicht zuletzt daf√ľr verantwortlich, da√ü ich diesen Wettbewerb (wieder) entdeckt habe.

Das nationalen Finale 1998

Ich habe die Sendung gesehen und gebe auch gern zu, da√ü ich gar nicht mehr wei√ü, wer au√üer Guildo Horn und seiner Begleitband “Die Orthop√§dischen Str√ľmpfe” noch angetreten ist. Ich kann mich daf√ľr aber noch sehr genau an seinen Auftritt erinnern. Mein erster Gedanke danach: Geil! Wenn die Jungs die gleiche Performance noch mal in Birmingham hinlegen, k√∂nnen sie weit vorn landen. Der gesamte Auftritt war einfach ein krasser Gegensatz. Mantel weg, Jacke weg, Guildo rennt durchs Publikum, Guildo h√ľpft wild √ľber die B√ľhne, Guildo klettert auf Ger√ľste. Krass und sowas von au√üer der Reihe. Er nahm sich selbst nicht so ernst und auch sonst rockte er geplegt l√§ssig ab. Das w√§re doch mal eine Show in Birmingham. Ausgerechnet in Birmingham. Bei unseren englischen Freunden, die sich immer wieder gern √ľber diese deutsche Humorlosigkeit und das angestrengte Wesen am√ľsierten. Sollte es wirklich m√∂glich sein, da√ü noch einige mehr diese unglaubliche Ironie erkannten und Guildo einfach mal nach Birmingham schicken?

Scheiße, Guildo fährt nach Birmingham

Das Wunder sollte tats√§chlich geschehen. Nenas Reaktion nach einem Blick auf den Zettel und dem zweimaligen “Schei√üe” auf dem anschlie√üenden Weg zur Bekanntgabe reichten schon. Ich musste die gesammelten zu erwartenden Schlagzeilen am n√§chsten Tag denken (das Internet steckte 1998 ja noch in den Kinderschuhen). H√§tte es die sozialen Medien damals schon gegeben, ich bin mir sicher, sie w√§ren gleichzeitig explodiert und implodiert. Sei es drum. 62% aller Anrufer hatten f√ľr Guildo Horn gestimmt. Der Meister fuhr nach Birmingham.

Der Meister in Birmingham

Im Vorlauf zum Wettbewerb hatte es sich die ARD nicht nehmen lassen und w√§hrend der Generalprobe ein kurzes Gespr√§ch mit einem der beiden Fairbrass-Br√ľder von Right Said Fred gef√ľhrt. Nachdem Guildo also auch in der Generalprobe wild √ľber die B√ľhne, durch die Zuschauerreihen und √ľber irgendwelche Stahlgel√§nder gerockt ist kommtierte er (sinngem√§√ü) mit einem breiten Grinsen: It’s the Eurovision and the Germans send this maniac. Und auch der BBC-Kommentator h√∂rte sich danach an, als ob er ein Grinsen im Gesicht hatte, als er Guildo Horn ank√ľndigte. Wie auch immer: es wurde Geschichte geschrieben: zum ersten Mal √ľberhaupt verlie√ü ein S√§nger w√§hrend seiner Performance die B√ľhne und marschierte durchs Publikum um dann auch noch zum Abschlu√ü an einem B√ľhnenaufbau hochkletterte. Die Messlatte war gelegt.


Voting f√ľr Guildo (Kurzform)

Man male sich nur mal aus, was los gewesen w√§re, wenn die 12 Punkte aus den Niederlanden sowie die anderen Punkte etwas fr√ľher gekommen w√§ren ūüėČ

Voting (Langfassung) inkl. Siegertitel

Hier gibt es noch mal das komplette Voting mit dem dramatischen Finale. Schlußendlich konnte Dana International den Titel gewinnen. Bedenkt man den ganzen Wirbel in ihrem Heimatland vor und rund um ihren Auftritt, kann man ihr diesen Titel mehr als nur gönnen. Außerdem ist es richtig guter Euro-Dancefloor-Pop. Sehr gut, Dana International und gleich mal den religiös arg eingeschränkten Menschen gezeigt, daß sie vielleicht laut und empört sein mögen. Die Mehrheit stellten und stellen sie aber nicht. Schön auch, daß der israelische Sender standhaft geblieben ist und nicht nachgegeben hat.

Und jetzt einfach mal die Musik aufdrehen und zur√ľcklehnen ūüėČ Sch√∂nen Sonntag euch allen.

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