Extraschicht 2017: Glück auf, Ruhrgebiet

Wenn am Abend die Sonne versinkt, vergessen die Arbeit, das Leben beginnt. Für das, was wir lieben, uns krummgemacht, wir lassen uns fallen, kopfüber in die Nacht. Ihr habt mich gefangen und das gnadenlos, aus Euren Krallen komm’ ich nicht mehr los, ich atme tief durch und denke “egal”, Euer Herz ist aus Gold, Eure Seele aus Stahl. Am 24.06.2017 war es endlich wieder soweit: Extraschicht 2017. Nachfolgend findest du ein paar Impressionen zur wohl größten Freilichtmesse der Industriekultur.

Seit 2001 setzt die ExtraSchicht die ehemaligen Zechen, Kokereien und andere Industrieanlagen aus der Zeit des Steinkohlebergbaus und der Stahlerzeugung neu und spektakulär in Szene. Wer bei der ExtraSchicht schnulzig-nostalgische Bergbauromantik erwartet, ist sehr schief gewickelt. Tatsächlich liegt die Hochzeit des Steinkohlebergbaus und der Stahlerzeugung schon rund 30 Jahre zurück. Die letzte noch aktive Zeche im Ruhrgebiet, Prosper-Haniel in Bottrop, wird Ende 2018 ihre Mettenschicht begehen. Danach ist die rund 1000-jährige Geschichte des Steinkohlebergbaus in Deutschland endgültig zuende. Es ist nun aber nicht so, daß deswegen alles zum Erliegen kommt und die Ruhris sich sonderlich großem Müßiggang hingeben. Alles im Leben hat seine Zeit und wenn eine Zeit endet, beginnt mit Sicherheit irgendwo die nächste.

So huldigt die ExtraSchicht eben jenen sakralgleichen Bauten der Industriestruktur indem sie Neues dort präsentiert: ein klassisches Klavierkonzert in der Jahrhunderthalle Bochum, Rock und Pop und Jazz im Landschaftspark Nord, Duisburg. Kunst im Innenhafen Duisburg. Poetry Slams dürfen nicht fehlen. Ebensowenig aber auch von ehemaligen Bergleuten geführte Touren über Pfade und unter Tage, die sonst nicht offen stehen. Und ganz vereinzelt singt auch noch ein Bergmannschor.

Innenhafen, Duisburg

Unsere erste Station sollte uns zum Innenhafen nach Duisburg führen. Als wir allerdings aus dem Bahnhofsgebäude herauskamen, deutete sich schon an, wovon der restliche Abend geprägt sein sollte: Menschen, sehr viele Menschen wollten auch auf ExtraSchicht gehen. Die Busse jedenfalls, die zum Auftakt dort standen waren binnen weniger Minuten vollkommen überfüllt und setzten sich recht mäßig alsbad in Bewegung. Also eben kurz bei Google Maps nach einem Fußweg gesucht und gleich auch einen gefunden. Es stellte sich heraus, daß der Duisburger Innenhafen nur rund zwei Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt liegt. So machten wir uns per pedes auf den Weg. Da es weder übermäßig warm noch regnerisch war, war die Strecke auch sehr bequem zu gehen: vorbei an neuen Einkaufszentren, am Duisburger Theater (Bild links) und dann durch ein paar schmale Straßen hin zum Innenhafen, den man aus der Ferne so gar nicht wahrnimmt. Noch ein letztes Stück geradeaus und wir waren endlich angekommen und folgten anschließend dem Hinweispfeil eines kleines und sehr unscheinbaren Schildes vor einer Brücke. Glück gehabt. Beinahe wären wir daran vorbeigelaufen.

Eigentlich sollte der Innenhafen auch nur eine Durchgangsstation auf dem Weg zum Schiffsanleger sein. Ich wollte unbedingt mit dem Schiff vom Binnenhafen über den Rhein zum Museum der Deutschen Binnenschiffahrt nach Duisburg-Ruhrort und von dort aus weiter zur ersten echten Station: Landschaftspark Nord in Duisburg. Doch irgendwie hatten sehr viele Menschen eine ähnliche Idee. Nachdem wir mehr oder minder gemütlich von der Marina Duisburg an Cocktailbars, Musik und Kunstaustellungen vorbeigeschlendert waren, sahen wir schon von weitem eine recht lange Schlange vor dem Anleger. Das erste Schiff war gerade weg und das nächste sollte in ca. 45 Minuten fahren. Kurz überlegt und entschieden: die Zeit warten wir noch.

Unglücklicherweise war die Schlange sehr viel länger als gedacht und so gestaltete sich die Wartezeit ungleich länger als ursprünglich erhofft. Der sich dazu gesellende Regen rundete den eher mauen Auftakt zur ExtraSchicht irgendwie ab. ABER: ich wollte unbedingt mit dem Schiff fahren. Also hielten wir mehr oder minder freiwillig durch und bestiegen das Schiff, welches gegen 20:00 Uhr ablegte – satte zwei Stunden Verspätung für uns persönlich und damit rückten die Stationen in Geselkirchen oder Herten schon in sehr weite Ferne. Für den Moment aber war es mir zumindest egal: ich war endlich auf dem Schiff und saß halbwegs im Trockenen. Aufgrund des vorherigen Regens war das geöffnete Sonnendeck ein idealer, weil leerer und ruhiger Bereich. Unmittelbar neben dem Zugang zum Sonnendeck saß man noch halbwegs trocken und hatte eine wunderbare, weil ungestörte Aussicht. Der Skipper streute während der gesamten Fahrt immer mal wieder Interessantes und Wissenswertes ein, so daß die 45 Minuten fast wie im Fluge vergingen und wir zielsicher mit Blick auf eines der vielen Thyssenkrupp-Werke in den Yachthafen Ruhrort einbogen. Und nach dem ergiebigen Regen vor der Abfahrt sollte dieses auch der einzige und letzte nasse Gruß von oben gewesen sein.

Endlich angekommen half ein kurzer Blick auf die Umgebung via Google Apps und ein weiterer Blick auf die App der Deutschen Bahn und wir hielten uns vom Anleger aus kommend rechts in Richtung Bahnhof Duisburg-Ruhrort. Im Zug selbst wurde auch etwas geboten: so hatten sich sowohl im vorderen als auch im hintereren Teil Musiker eingefunden, welche kurz nach der Abfahrt bereits Kostproben ihres Könnens zum Besten geben. Coole Idee, guter Klang und eine angenehme Unterhaltung.

Landschaftspark Duisburg-Nord

Der Landschaftspark Duisburg-Nord oder auch LaPeDu bzw. Landi ist ein rund 180 Hektar großes Landschaftsgelände rund um ein ehemaliges Hüttenwerk, welches Mitte der 1980er geschlossen wurde. Auch wenn einige Hochöfen und andere Teile der Anlage bereits vor längerer Zeit abgerissen wurden, ist immer noch ein imposantes Denkmal der Industriestruktur zurückgeblieben. Dieses dient inzwischen als einmalige Kulisse für Konzerte und andere Kunstaufführungen. Für die ExtraSchicht präsentierte sich der Landschaftspark einmal mehr als grandiose Bühne für laute Popmusik (Hochofen 2) oder auch fetzigen Jazz und/oder Gospel – so genau ließ sich das nicht definieren (Hochofen 5). Dazu gab es kühles Frischgezapftes und gebratene Pilze (oder Steaks oder Hotdogs oder Flammkuchen oder oder oder). Nebenbei konnte man sich noch die vielen verschiedenen Gebäude des ehemaligen Hüttenwerkes anschauen. Und überall so drumherum gab es Lichtspielereien und allerlei zu sehen. Ein Angebot, welches augenscheinlich gut ankam: es war verdammt voll. Es war wirklich verdammt voll. So richtig bemerken konnte man dieses nach dem Ende des Feuerwerks über dem Hochofen 5. Unmittelbar nachdem die letzten Böller verklungen waren, machten sich wahre Menschenmassen auf den Weg zu den Parkplätzen bzw. der Straßenbahnhaltestelle. Wir haben wohl ca. 30 Minuten gebraucht, bis wir dort endlich angekommen waren und es in einen der vielen hoffnungslos überfüllten Busse in Richtung Duisburg Hauptbahnhof ging. Bewegen konnte man sich nicht mehr, umfallen ging auch nicht. War aber auch egal. Wir waren einfach nur durch vom Tag. Auf dem Rückweg waren wir zeitlich auch noch so gut unterwegs, daß wir zumindest vom Bus aus einen Teil des Feuerwerks über dem Duisburger Innenhafen ebenfalls noch verfolgen konnten. Das sollte dann auch der krönende Abschluß der ExtraSchicht 2017 sein. Für mehr fehlte einfach Lust und Energie (in der Reihenfolge).

Das kulinarische Highlight – Essen in Essen

Vor Beginn der ExtraSchicht und am Tag danach haben wir ein weiteres, echtes Highlight in Essen genießen dürfen. Grund dafür ist ein kleiner und eher unscheinbarer Imbiss auf der Zweigertstraße in der Nähe der Rü. Eher zufällig bei Google Maps gefunden und da er in unmittelbarer Nähe zum Hotel lag, einfach mal eben vorbeigegangen und es keine Sekunde bereut: richtig, richtig, richtig gutes Essen und vor allem mit einer selbstgemachten, richtigen Currysauce zur (Berliner) Currywurst. Dazu noch geschmacklich herausragende Saucen zum Dippen für die Tappas bzw. die Süßkartoffel-Chips (kann ich jedem nur empfehlen). Hier werde ich sicherlich hin und wieder mal vorbeischauen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Oder auch wenn sie sich nicht ergibt.

Fazit

Die ExtraSchicht lohnt sich. Sie macht Spaß und ist mittlerweile ein legitimes Volksfest, welches sich über den gesamten Ruhrpott erstreckt. Wer melancholische Bergmannsromantik erwartet, dürfte enttäuscht werden. Der Ruhrpott ist immer in Bewegung und das auch noch richtig laut. Stellenweise findet man auch bei der ExtraSchicht noch einen Bergmannschor, der größte Teil der Veranstaltungen nutzt die imposanten Sakralwerke der Industriekultur als Bühne für Kunst und Unterhaltung.

In diesem Jahr hatte die ExtraSchicht rund 240.000 Besucher. Das merkte man auch an den Veranstaltungsorten und ganz besonders bei den Shuttlebussen. Hier droht diese wunderbare Veranstaltung ein wenig an ihrem Erfolg zu ersticken. Eventuell findet man für die kommenden Jahre bessere Möglichkeiten, um die Menschen von A nach B zu bringen. Die Shuttlebusse allein reichten nur noch mit Müh und Not aus, um die Massen zu bewegen. Aber vielleicht können die örtlichen ÖPNV-Dienstleister die Taktung ihrer Busse und Bahnen ein wenig erhöhen, so daß diese auch für Entlastung und bessere Mobilität sorgen können.

Unterm Strich aber war und ist die ExtraSchicht ein Ereignis, welches man erlebt haben sollte. Der Wandeln von der Industriestruktur hin zur Industriekultur ist weiterhin in vollem Gange und liefert immer wieder neue und einmalige Eindrücke. Ich freue mich schon auf das nächste Jahr. Mal schauen, wohin es dann geht.

Weiterführende Links/Artikel

Aufnahmen: Sony Xperia XZ. Die Bilder können gemäß Public Domain CC0 verwendet werden. Alle Aufnahmen entstanden am 24./25.06.2017 in Essen bzw. Duisburg.

 

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