Warum kommen die alle? Was wollen die hier? Das sind ja fast nur M├Ąnner und Muslime! Das christliche Abendland wird islamisiert. Damit d├╝rften die popul├Ąrsten, nicht strafbewehrten Einlassungen der letzten rund 18 Monate seit der Nicht-Grenzschlie├čung durch die Bundesregierung kurz und knapp zusammengefasst sein. Aber: was davon l├Ąsst sich nun mit Zahlen belegen oder widerlegen? Ein Versuch basierend auf allgemeinen Definitionen und spezifischen Statistiken.

In diesem Beitrag umreisse ich zun├Ąchst was gem├Ą├č Genfer Fl├╝chtlingskonvention ein Fl├╝chtling ist und wie eine Person zu einem eben solchen wird. Anschlie├čend folgen Zahlen zu Fl├╝chtlingen in Deutschland aus den Jahren 2011-2016 zusammen mit den Bewertungen der jeweiligen L├Ąnder im Global Peace Index.

Annahmen

  • die Genfer Fl├╝chtlingskonvention ist die v├Âlkerrechtlich bindende Grundlage f├╝r die Definition der Begriffe “Fl├╝chtling” sowie f├╝r die Herleitung der Fluchtursachen
  • die Genfer Fl├╝chtlingskonvention ist allgemein anerkannt, da sie verpflichtender Bestandteil der UN-Mitgliedschaft ist
  • die Statistiken des Bundesamts f├╝r Migration und Fl├╝chtlinge (BAMF) bilden eine valide Grundlage f├╝r die Analyse der tats├Ąchlich eingegangenen Asyl-Erstantr├Ąge (Zeitungsartikel, dr├Âlffach geteilte Tweets oder Facebook-Posts haben nicht diesen Stellenwert)
  • Jede Statistik ist bedingt ungenau, da die Rohdaten hierf├╝r von Menschen geliefert werden und diese auch hin und wieder mal Fehler machen (nat├╝rlich, w├╝rde einem selbst nie passieren – schon klar.)
  • Krieg ist eine der st├Ąrksten Fluchtursachen

Fl├╝chtling, Fluchtursachen

Gem├Ą├č der Genfer Fl├╝chtlingskonvention ist ein Fl├╝chtling eine Person, die aus der begr├╝ndeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalit├Ąt, Zugeh├Ârigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen ├ťberzeugung sich au├čerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangeh├Ârigkeit sie besitzt, und den Schutz des Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Bef├╝rchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder die sich als staatenlose infolge solcher Ereignisse au├čerhalb des Landes befindet, in welchem sie ihren gew├Âhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zur├╝ckkehren kann oder wegen der erw├Ąhnten Bef├╝rchtungen nicht dorthin zur├╝ckkehren will. F├╝r den Fall, da├č eine Person mehr als eine Staatsangeh├Ârigkeit hat, bezieht sich der Ausdruck “das Land dessen Staatsangeh├Ârigkeit sie besitzt,” auf jedes der L├Ąnder dessen Staatsangeh├Ârigkeit diese Person hat. Als des Schutz des Landes, dessen Staatsangeh├Ârigkeit sie hat, beraubt, gilt nicht eine Person, die ohne einen stichhaltigen, auf eine begr├╝ndete Bef├╝rchtung gest├╝tzten Grund den Schutz eines der L├Ąnder nicht in Anspruch genommen hat, deren Staatsangeh├Ârigkeit sie besitzt. (Genfer Fl├╝chtlingskonvention von 1951, Artikel 2A)

Krieg

Ein ehemaliger Bundesverteidigungsminister sagte einst auf die bewaffneten Auseinandersetzungen in Afghanistan bezogen, da├č Krieg die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen mindestens zwei Staaten w├Ąre. Ein wenig sp├Ąter vollzog er hier eine Korrektur. Die Definition des Begriffes “Krieg” war also nicht nur in diesem Fall flexibel. Tats├Ąchlich wurde diese Definition im Lauf der Menschheitsgeschichte immer wieder angepasst. Auf eine finale, allgemeing├╝ltige und unumst├Â├čliche Version darf man also eher nicht hoffen.

Der Politologe Sven Chojnacki beschreibt Krieg als eine “Extremform milit├Ąrischer Gewalt zwischen mindestens zwei politischen Gruppen”. ├ťber eine genauere Begriffsbestimmung herrscht selbst unter Wissenschaftlern insgesamt keine Einigkeit. Eine h├Ąufig verwendete Kriegsdefinition ist aber die der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF). Sie sieht Krieg als einen gewaltsamen Massenkonflikt, der alle folgenden Merkmale aufweist: ”

  1. an den K├Ąmpfen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkr├Ąfte beteiligt, bei denen es sich mindestens auf einer Seite um regul├Ąre Streitkr├Ąfte […] der Regierung handelt;
  2. auf beiden Seiten muss ein Mindestma├č an zentralgelenkter Organisation der Kriegf├╝hrenden und des Kampfes gegeben sein […];
  3. die bewaffneten Operationen ereignen sich mit einer gewissen Kontinuierlichkeit und nicht nur als gelegentliche, spontane Zusammenst├Â├če, d. h. beide Seiten operieren nach einer planm├Ą├čigen Strategie, gleichg├╝ltig ob die K├Ąmpfe auf dem Gebiet einer oder mehrerer Gesellschaften stattfinden und wie lange sie dauern.” – BPB

Alles klar soweit? ­čśë

Erstantr├Ąge 2011-2016

Die hier dargestellten Zahlen sind den regul├Ąren Publikationen des BAMF entnommen. Die einzelnen Quellverweise befinden sich am Ende dieses Artikels. Seitens des BAMF werden die 10 Hauptherkunftsl├Ąnder der Schutzsuchenden namentlich aufgef├╝hrt. Alle weiteren L├Ąnder werden unter “Sonstige” erfasst. F├╝r die Jahre 2015 und 2016 weist das BAMF zudem etwas mehr als 26.000 F├Ąlle auf, in denen die Herkunft des Antragsstellers nicht gekl├Ąrt werden konnte bzw. kann.

Nach Herkunftsland

Land 2011 2012 2013 2014 2015 2016
Afghanistan 7.767 7.498 7.735 9.115 31.382 127.012
Albanien 7.865 53.805 14.853
Bosnien und Herzegowina 2.025 5.705
Eritrea 3.616 13.198 10.876 18.854
Irak 5.831 5.352 3.958 5.345 29.784 96.116
Iran 3.352 4.348 4.424 26.426
Kosovo 1.395 1.906 6.908 33.427
Mazedonien 1.131 4.546 6.208 5.614 9.083
Nigeria 12.709
Pakistan 2.539 3.412 4.101 8.199 14.484
Russland 1.689 3.202 14.887 10.985
Serbien 4.579 8.477 11.459 17.172 16.700
Somalia 3.786 5.528
Syrien 2.634 6.201 11.851 39.332 158.657 266.250
T├╝rkei 1.578
Sonstige 13.246 17.572 37.555 57.290 78.265 120.022
Ungekl├Ąrt 11.721 14.659
Gesamt 45.741 64.539 109.580 173.072 441.899 722.370

Erkenntnisse

  • Die Anzahl der Erstantr├Ąge ist zwischen 2011 und 2016 um rund das 15-fache gestiegen
  • Afghanistan, Irak und Syrien sind die einzigen drei L├Ąnder, welche von 2011 bis 2016 Jahr f├╝r Jahr unter den Top 10 L├Ąndern des BAMF namentlich aufgef├╝hrt werden
  • F├╝r diese drei L├Ąnder gilt
    • in den Jahren 2015 und 2016 stellten sie mindestens die H├Ąlfte aller Erstantragssteller (50% in 2015, 67% in 2016)
    • im Ranking des Global Peace Indexes liegen sie im Durchschnitt ├╝ber die letzten 8 Jahre auf den fast letzten Pl├Ątzen (je weiter unten man dort plaziert ist, desto schlechter ist es um den Frieden in dem Land bestellt)

Nach Geschlecht

Zu diesem Schaubild:

  • Die S├Ąulen zeigen die absolute Anzahl an weiblichen (hellgr├╝n) und m├Ąnnlichen (hellblau) Erstantragsstellern
  • Die Linien zeigen die Relation zwischen weiblichen (dunkelgr├╝n) und m├Ąnnlichen (dunkelblau) Erstantragsstellern

Erkenntnisse:

  • Das Verh├Ąltnis zwischen weiblichen und m├Ąnnlichen Erstantragsstellern ist ├╝ber den betrachteten Zeitraum relativ stabil
    • der kleinste Abstand findet sich im Jahr 2012: 38,2% zu 61,8%
    • der gr├Â├čte Abstand findet sich im Jahr 2015: 30,8% zu 69,2%
  • Tats├Ąchlich ist das Verh├Ąltnis von weiblichen zu m├Ąnnlichen Erstantragsstellern auch in den Jahren vor dem massiven Anstieg der Fl├╝chtlingszahlen ├Ąhnlich zu den Jahren, in denen deutlich weniger Erstantr├Ąge gestellt wurden

These: Es kommen fast nur M├Ąnner

Dieses “fast” macht die Aussage nahezu beliebig. Daher muss jeder f├╝r sich entscheiden, ob ein Maximalanteil von M├Ąnnern von 69,2% ausreichend ist, um sagen zu k├Ânnen, da├č fast nur M├Ąnner k├Ąmen.

In der Wissenschaft gibt es verschiedene Ans├Ątze hierzu: in der Mathematik steht bspw. “fast alle” f├╝r eine Abk├╝rzung f├╝r alle bis auf endlich viele (auf der hier verlinkten Wikipedia-Seite finden sich zwei Verweise auf weitere “fast xyz”).

Ich pers├Ânlich sehe “fast alle” bei einem Maximalanteil von 69,2% als nicht gegeben. Dieser Bereich f├Ąngt bei 90% an und w├╝rde bei 99,9% aufh├Âren. Zudem gilt es im Hinterkopf zu behalten, da├č sich das Verh├Ąltnis von weiblichen zu m├Ąnnlichen Erstantragsstellern grunds├Ątzlich immer in dem oben genannten Korridor bewegt.

These: Das sind keine Kriegsfl├╝chtlinge

Folgt man den Worten der Genfer Fl├╝chtlingskonvention, ist es Verfolgung gemeinsam mit nicht gegebenem Schutz vor eben dieser im Heimatland, welche einen Fl├╝chtling zu einem Fl├╝chtling macht. Eine kriegerische Handlung ist also gar nicht erforderlich f├╝r den potentiellen Fl├╝chtlingsstatus. Daher haben auch Erstantragssteller aus Albanien, dem Kosovo, Serbien oder der T├╝rkei eine Anerkennungsperspektive. Gleichzeitig gilt aber auch f├╝r die Menschen aus den zahlenm├Ą├čig gr├Â├čeren Hauptantragsanl├Ąndern: dort herrscht Krieg (siehe o.g. Definition).

Diese These ist thematisch falsch formuliert. Sauber formuliert m├╝sste sie lauten “Das sind keine Verfolgten” (kurzgefasst – in der vollst├Ąndigen Fassung m├╝sste noch ein “im Sinne der Genfer Fl├╝chtlingskonvention” folgen). Allerdings l├Ąsst sich auch diese korrigierte These nicht best├Ątigen.

These: Das Abendland wird islamisiert

Analog zur These mit dem “fast nur” stellt sich auch hier die Frage, was denn konkret mit Islamisierung gemeint ist. Geht man davon aus, da├č “der Islam” die Mehrheitsreligion sein muss, um tats├Ąchlich von einer Islamisierung sprechen zu k├Ânnen, hilft ein Blick auf die nackten Zahlen. In diesem Fall von Deutschland als einem der gr├Â├čeren L├Ąnder des Abendlandes:

Christen: ca. 46 Millionen

Muslime: ca. 5 Millionen

Es leben also mehr als 9mal so viele Christen in Deutschland wie Muslime. Neun Mal. Oder in reinen Zahlen 46 Millionen Christen, 5 Millionen Muslime.

Ich bin in der Bev├Âlkerungsvorausberechnung unter Ber├╝cksichtigung verschiedener Szenarien nun nicht so der Experte. Da├č eine Islamisierung droht oder gar unmittelbar bevorsteht, w├╝rde ich f├╝r die n├Ąchsten Jahrzehnte (oder gar mehr) ausschlie├čen. Selbst wenn jedes Jahr eine Million muslimischer Fl├╝chtlinge k├Ąmen und dauerhaft in Deutschland blieben, w├╝rde es noch einige Jahrzehnte dauern, bis der Islam tats├Ąchlich in die N├Ąhe der christlichen Mehrheitsreligion k├Ąme. Kurze Zwischenfrage: ab der wievielten Verwendung des Konjunktivs in einem Satz ist dieser eigentlich so unspezifisch, da├č man ihn eh besser sein lassen sollte?

Von den drei hier aufgef├╝hrten Thesen ist diese hier sehr abenteuerlich. Eine Islamisierung ist f├╝r die n├Ąchsten Jahrzehnte – je nach Perspektive – nicht zu erwarten oder zu bef├╝rchten.

Quellen

World Peace Index

Das “Institute for Economics & Peace” erstellt seit 2007 j├Ąhrlich einen Friedensindex. Hierf├╝r werden im Grunde drei Hauptindikatoren herangezogen und von einem Gremium bewertet:

  • Fortdauernde einheimische und internationale Konflikte
  • Soziale Absicherung und Sicherheit
  • Militarisierung

Aus diesen Bewertungen je Land ergibt sich dann der Global Peace Index (GPI). Je kleiner der Wert, desto mehr Frieden herrscht in diesem Land. F├╝r Deutschland weist der GPI beispielsweise f├╝r 2016 einen Wert von 1.486 (Platz 16) aus, Syrien hingegen hat einen Wert von 3.806 (Platz 163).

Weitere Informationen zu den Kriterien sowie dem Expertengremium befinden sich jeweils im Anhang zum GPI-Report. Bei der 2016er Ausgabe findet man diese auf Seite 95ff.

Bundesamt f├╝r Migration und Fl├╝chtlinge (BAMF)

Das Bundesamt f├╝r Migration und Fl├╝chtlinge fungiert als Kompetenzzentrum zu diesen beiden Themen sowie den Herausforderungen rund um die Integration in Deutschland. Das BAMF ist dem Bundesinnenministerium unterstellt. Fristete das BAMF in den Jahren vor 2015 eher ein Nischendasein, so hat sich dieses mit der Nicht-Grenzschlie├čung im Sommer 2015 grundlegend ver├Ąndert.

Weiterf├╝hrende Links

Quellen
Artikel/Themenseiten